Wie kann ich besser mit Stress umgehen?

Beruflich habe ich viel Stress und auch meine Freunde und Kollegen klagen darüber. Manche sprechen von positivem und negativen Stress – was ist das eigentlich?

Stimmt, Stress ist allgegenwärtig: Nach einer Studie des Unternehmensverbunds Arbora Global Career Partners (Grundlage: 1000 Unternehmen aus 4 Kontinenten) nimmt der von Managern und Managerinnen erlebte Stresswert von Jahr zu Jahr zu und beeinflusst die Lebensqualität und das Familienleben negativ. Manager verfehlen die Ausgewogenheit zwischen Berufs- und Privatleben, die „work-life-balance“ auf einer Skala von 0–10 mit 4.8, Managerinnen mit 5.1. Medizinisch gesehen ist Stress ein Kampf- und Fluchtmechanismus, der die Muskulatur und das Gehirn zunächst mit mehr Energie versorgt. Damit kann er den oben angesprochenen positiven Effekt haben: Er macht uns bereit für geistige und körperliche Problemlösung. Genau in dieser Union von körperlichen und geistigen Prozessen liegt auch das Problem: Wenn wir, vereinfacht gesagt, Stress durch Entspannung oder Sport nicht mehr ausreichend körperlich abbauen, wird er zu negativem Stress, zum Gesundheitsrisiko.

Wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme, habe ich oft keine Lust mehr, mit meinem Partner viel zu reden. Nach dem Abendessen schauen wir dann fern, oder wir fallen gleich müde in die Federn. Die Wochenenden sind auch ständig verplant und wir besprechen nur noch das „Tagesgeschäft“ miteinander und rennen unserer eigenen Zeit hinterher – wie können wir das ändern?

Diese Frage wurde mir einmal in einem Stressbewältigungs-Training gestellt. Ich empfahl dem Paar als ersten Schritt, die Fernsehkiste kalt zu lassen. In Deutschland beträgt der durchschnittliche Fernsehkonsum pro Tag 183 Minuten. Das sind drei Stunden meist stummes Glotzen. Demgegenüber nimmt sich ein deutsches Paar, wie Paartherapeut Michael Lukas Möller in einer Erhebung festgestellt hat, pro Tag durchschnittlich 2 Minuten Zeit für ein persönliches Gespräch. Möller nennt das „desinteressierte Selbstvernachlässigung“. Eine Beziehung haben heisst „aufeinander bezogen sein“. Das können wir nur, wenn wir uns Zeit für Gespräche nehmen. Miteinander zu reden, sich auch über Beziehungsinhalte auszutauschen, entspannt und baut Stress ab. Mein Teilnehmerpaar konnte das zu einhundert Prozent bestätigen – nach einer Woche „Fernsehabstinenz“ waren sie begeistert von der stressauflösenden Wirkung ihrer neuen „Bezogenheit“. Natürlich ist das Partner-Gespräch nur eine von vielen Massnahmen, Stress abzubauen. Sie können Ihr Selbstmanagement ändern, lernen, „nein“ zu sagen, Entspannungstechniken anwenden, mehr Sport treiben, und, und, und. Aber gerade der Blick auf die private Gesprächskultur offenbart: Viele haben den Bezug zu sich selbst und den eigenen Grundbedürfnissen verloren, und „funktionieren“ eher ferngesteuert – das ist Stress, oder?

Können Sie das bestätigen?

Unbedingt. Einer meiner Klienten sagte neulich „bei mir muss auch im Urlaub immer etwas los sein“. Meine Frage, ob er nicht einfach mal ruhig die Zeit „vergehen lassen“ könne, erstaunte ihn. Zeit müsse man nutzen. Für ihn sei es schon eine Qual, warten zu müssen – für diesen Fall habe er immer das Laptop oder Handy bereit. Er erlebte das Innehalten als unerträgliche Konfrontation mit sich selbst.

Ich höre manchmal von Bekannten, „das ist doch hausgemachter Stress“ – als wenn mein Stressproblem nur an mir läge – ist das so?

Stress ist individuell geprägt – das heißt, die persönliche Bewertung von Stressauslösern (Stressoren) ist so unterschiedlich wie die persönlichen Reaktionsmöglichkeiten darauf. Aber es gibt auch äußere Stressoren, auf die wir wenig Einfluss haben. Es ist wichtig, diese äußeren und inneren Faktoren zu unterscheiden – z.B. in einem Verhaltenstraining zur Stressbewältigung. Jeder Teilnehmer lernt dabei, innere und äußere Stressoren zu erkennen – viele erleben diese Benennung der individuellen Stressoren schon als wesentlichen Bewältigungsschritt. Wenn wir erkennen, was uns stresst, können wir Gegenmassnahmen ergreifen – Erleichterungstechniken einüben und auf eine langfristige Stressbewältigung hinarbeiten.

Gibt es ein paar allgemeine Tipps, um besser mit Stress klar zu kommen?

Mit allgemeinen Ratschlägen halte ich mich eher zurück. Aber ich gebe Ihnen gern ein paar Fragen zur Selbstreflektion über Ihr Verhältnis zur Zeit. Nehmen sich Zeit dafür und wenn Sie mögen, suchen Sie das Gespräch darüber.

  • Was bedeutet Zeit für mich?
  • Was ist mir bei meiner Tagesplanung wichtig?
  • Wenn ich „Zeit habe“, wofür nutze ich sie?
  • Gestalte ich meine Zeit?
  • Kann ich Zeit auch passiv erleben, verrinnen lassen?
  • In welcher Lebenszeit/phase befinde ich mich gerade?
  • Was bedeutet „Enspannung“ für mich?
  • Wieviel Zeit habe ich für Entspannung?
  • Nehme ich mir Zeit für meine eigenen Bedürfnisse?