Karriere in der Sackgasse?

 

Mein Klient atmet tief durch. Eigentlich, sagt er, hat er seinen Traumjob. Er macht ihn gern, hat nette Kollegen und einen Vorgesetzten, der ihm viel Spielraum gibt. Nur: Er macht den Job schon zu lang. Alle Vorgänge sind Routine, es fehlt an Abwechslung, nur 30 Prozent von dem, was er kann, wird abgerufen. Seine Kreativität bleibt auf der Strecke. Und was am schlimmsten ist: Die Spitze der Fahnenstange ist erreicht – jedenfalls in diesem Unternehmen. Weiter geht es nicht, eine neue Herausforderung fehlt. Mein Klient sagt, in diesem Unternehmen kann er alt und grau werden – aber will er das?

Was also tun?

So einfach, wie die Antwort aussieht –  einen neuen Job suchen –  ist das nicht. Mein Klient ist hin- und hergerissen zwischen dem, was ihm lieb und teuer geworden ist und dem Ungewissen, was ihn erwartet. Einerseits möchte er nicht auf die momentanen Annehmlichkeiten verzichten, andererseits aber auch nicht mit 65 sagen müssen, er habe 20 Jahre in einer beruflichen Sackgasse gesteckt.

Erschwerend kommt seine Definition vom „Traumjob“ hinzu:  Jahrelang hat er nach dem, was er jetzt tut, gestrebt und nur das als Ziel gehabt. Jenseits davon gab es – nichts.  Woher soll nun plötzlich die neue Vision, das neue Ziel kommen?

Plötzlich wird sie nicht kommen, die neue Zielsetzung. Sie kann reifen wie ein guter Wein und darf sorgsam entwickelt werden. Aber wenn sie dann da ist, ist die Zeit reif. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Darf ich an eine Zweitkarriere denken?

Gerade aus dem England-Urlaub heimgekehrt, kommt mir manches an meiner deutschen Heimat seltsam vor. Die Profilierungssucht im Straßenverkehr, die Rüpelhaftigkeit vielerorts – was sagt das über uns Deutsche, wenn wir uns geben wie pubertierende Halbstarke?

Stutzig wurde ich auch bei einem Anruf eines Klienten, der mich äußerst verunsichert fragte, „darf man das, an eine Zweitkarriere denken?“

Man kann ja grundsätzlich seit Erfindung des Gehirns an alles mögliche denken. Gedanken sind frei, heißt es. Aber darum ging es meinem Klienten nicht. Seine Frage zielte auf die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber einer beruflichen Neuorientierung. In anderen Worten, „was werden meine Nachbarn denken, wenn ich mir einen beruflichen Neustart leiste?“

Nicht umsonst gibt es hierzulande das Wort „Schuster, bleib bei Deinen Leisten.“ Entsprechend bringt die Suche nach dem Begriff „Zweitkarriere“ im Internet durchweg drollige Ergebnisse… von der Zweitkarriere von Weihnachtsbäumen bis zum Abstieg einer ehemaligen Bundestagsabgeordneten, die jetzt „putzt“, ist alles dabei. Ernst nehmen kann man das nicht.

Ganz anders die Resultate bei „second career“. Da gibt es private und staatliche Initiativen zu dem Thema, allerdings in Kanada, den USA und England. In diesen Ländern ist auch die Erwartungshaltung gegenüber dem beruflichen Neustart in der Lebensmitte eine andere: Er bedeutet keinen „Karriereknick“, sondern ist die erwartbare und erforderliche Anpassungsleistung von Berufstätigen an einen beweglichen Arbeitsmarkt. Anders gesagt: Das ist NORMAL! Schlecht wäre es, diese Leistung nicht bringen zu können.

Aber wie will man das einem Volk von pubertierenden Halbstarken beibringen…?