Hilfe, mir fehlt die Qualifikation…

 

Mir stellt sie sich immer wieder, die Frage nach der Henne und dem Ei, wenn ich meine Klienten bei ihren Kursänderungen begleite. Oft höre ich da nämlich „kann ich mich denn darauf bewerben, so ohne Nachweis oder Schein?“

Deutschland wird oft zitiert als das Land, in dem es mehr um den Schein als ums Sein ginge – um Teilnahmescheine, um Zertifikate, um Abschlüsse. Aber das ist doch das Erste, was die Personaler sehen wollen, heißt es dann.

Dabei weiß ich das doch noch gar nicht. Kenne ich den Personaler schon, mit dem ich bei der Bewerbung zu tun haben werde? Was, nur mal angenommen, wenn es umgekehrt wäre, wenn nämlich die Eignung für einen Job an der Fähigkeit, ihn zu leisten gemessen werden würde und daran, wie diese Fähigkeit rüberkommt? Wenn Erfahrung und ihre Vermittlung zählen würde? Wenn also das Ei zuerst wäre?

Unlängst habe ich über einen unglaublich gefragten Berater, 24-jährig, gelesen. Er hat kein Abitur, er hat keinen Uniabschluss. Aber er hat schon eine erfolgreiche Gründung hinter sich und wird von führenden Unternehmen zu seinem Wissen über die neuen Medien konsultiert. Er sagt von sich selbst, „Wikipedia war meine Uni.“

Scheine braucht er nicht. Er ist self-made-Experte, und wer ihn bucht, fragt nicht nach Scheinen. Ich glaube, das ist ein Trend. Künftig wird es immer mehr darauf ankommen, Kompetenz nicht mehr auf dem Papier nachzuweisen, sondern sie abrufbar präsentieren zu können. Kann man das lernen? Ziemlich sicher kann man das, mit oder ohne Zertifikat.

Gutes Bewerbungsgespräch, trotzdem Absage – und nun?

 

Der Hürdenlauf – herausragende Bewerbung verfassen, das Bewerbungsgespräch vorbereiten und mit positiver Rückmeldung bestehen, alle wichtigen Fragen stellen – ist beendet, das Ziel erreicht. Das Treffen verlief professionell, ja, es wurde sogar hier und da gescherzt. „Sie hören von uns!“ heißt es beim Abschied. Der Kandidat ist beschwingt und malt sich aus, demnächst den neuen Arbeitsvertrag in der Tasche zu haben.

Eine Woche vergeht. Noch eine.

Am Ende der dritten Woche – noch immer hat der Kandidat nichts „gehört“ – greift er zum Hörer und erfährt, dass die Position inzwischen leider anderweitig besetzt wurde.

Rrrrrums – da ist er, der Tiefschlag. Man sitzt wie gelähmt neben dem Telefon und vor einem Scherbenhaufen von geplatzten Vorstellungen. Und jetzt?

Das Schlimme an der Prozedur ist nicht mal, dass sie für viele geeignete Bewerber so abläuft, sondern dass der Kandidat erst mal an seiner Wahrnehmung zweifelt. Ist das Gespräch doch anders gelaufen, als ich es in Erinnerung habe? Und: Bin ich jetzt weniger wert als vorher?

Die Enttäuschung ist groß und nagt. Aus der Perspektive des Coachs lässt sich dazu folgendes sagen:

  1. Dass ein Bewerbungsgespräch „gut läuft“, ist zu erwarten.  Personaler sind Profis der Gesprächsführung – sie wissen freilich auch, wie Stressinterviews funktionieren. Aber oft liegt ihnen mehr daran, einen Sympathie-Kontext zu schaffen – dann erfahren sie mehr über ihr Gegenüber, als wenn er nervös ist. Was der Kandidat dann erlebt, ist konventionelle Gesprächsführung im Genre „Job-Interview“. Es hat relativ wenig mit ihm persönlich zu tun.  Sie müssen nur mal kurz die Perspektive wechseln, um das nachzuvollziehen: Personaler führen Dutzende solcher Gespräche,  das ist ihr Job. Das „Einzigartige“ aus Sicht des Kandidaten hat für sie längst Mengenrabatt. Als Kandidat sollten Sie daraus die Konsequenz ziehen und nicht die Sympathie-Herstellung mit einer Zusage gleichsetzen.
  2. Dass sich der Bewerber auch noch selbst den Korb abholen muss, ist schlechter Stil aber leider verbreitet. Personalabteilungen frönen dem „keine-Zeit-Mythos“. Nach absolvierter Pflicht – also Bewerbungsgespräch höflich und sympathisch gestalten – ist oft Schluss mit höflich.
  3. Mit Ihrem Selbstwert hat das nichts zu tun. Es ist ein Spiel, das nicht auf Augenhöhe abläuft, da dem Bewerber entgeht, worauf es eigentlich ankommt und er dies wg. Gleichstellungsgesetz auch nicht erfährt. Die einzig richtige Konsequenz ist: Aufstehen, negative Energie abschütteln und weitermachen!