Bin ich etwa der Sklave meines Lebenslaufs?

 

Eine starke Frage. Eine Klientin stellte sie, um sie umgehend selbst zu beantworten: „Ich lebe nicht mehr für meinen Lebenslauf.“

 Klasse. Ich habe ihr dafür gratuliert. Spätestens (!) in der Mitte des Berufslebens merkt man: Außer, dass es gradlinige Lebensläufe eh kaum mehr gibt, wer will denn überhaupt so einen CV? 

Die sogenannten Anforderungen für einen gradlinigen CV sind ja ohnehin meist von außen Konstruierte, am echten Leben orientieren sie sich nicht. Wir müssen heut extrem beweglich sein, um den steten Wandel in der Arbeitswelt mitzumachen, und sind das auch. Aber ab einer bestimmten Stufe auf der Karriereleiter merken wir, dass wir eigene Anforderungen ans Leben haben. Dann ändert sich der Mensch und der CV. Und dann ist keiner mehr „Sklave seines Lebenslaufs.“

Einsamkeit: Kolateralschaden des Berufslebens

Einsamkeit: Kolateralschaden des Berufslebens

Erinnern Sie sich? „Kolateralschaden“ war das Unwort des Jahres 1999. Unter anderem hieß es in der Begründung, die Verwendung des Wortes verharmlose militärische Schäden als unwichtige Nebensache.

Mir scheint, der Begriff wäre nützlich, um in ähnlich zynischer Weise die Begleitschäden unserer Arbeitswelt zu beschreiben. Der „Burnout“ ist ja mittlerweile allgegenwärtig, aber wer spricht über die emotionale und tatsächliche Vereinsamung unserer „Helden der Arbeit?“

Immer wieder sitzen mir 30-, bis 40-jährige „High Performer“ gegenüber, die eine rasante Karriere hingelegt haben und richtig gut Geld verdienen. Für ihre Flexibilität zahlen sie einen hohen Preis: Sie haben jenseits der virtuellen Netzwerke kaum Freunde und auch keine dauerhaften Partnerschaften.

Vor die Wahl gestellt, abends in die leere Luxuswohnung heim zu kehren oder noch eine Stunde Arbeit dranzuhängen, wählen sie letzteres. Mit zunehmendem Alter verschlimmert sich die Einsamkeit: Je älter, desto weniger kompatibel. Bald werden wir eine „Generation einsamer Silberwolf“ haben – Menschen, die allzu spät in ihrem Leben merken, dass Arbeit doch nicht alles ist.

Mehr dazu hier.

Auf der Suche nach… dem Bauchgefühl

 

Als ich meinen Klienten kennen lernte, war er sichtbar zur Gelassenheit entschlossen. Sein Lachen war einen Tick zu laut, seine Körperhaltung etwas zu locker, sein Blick eher antrainiert gerade. Er sei eigentlich, sagte er, total entspannt, was seine berufliche Situation beträfe. Mit Mitte fünfzig hatte er eine verantwortungsvolle Position in einer Bank. Nur eins fehle ihm: Die Perspektive. Sollte das jetzt bis zur Pensionierung so weiter gehen oder sollte er noch mal “ranklotzen“ und sich eine neue Herausforderung suchen? Zurück in das Vielflieger-Leben, das er früher so gern geführt hatte? Um genau zu sein, meinte er, habe er nämlich etwas ganz wichtiges verloren: Sein Bauchgefühl.

Früher habe er eine innere Kompassnadel gehabt, die ihn immer zur richtigen Zeit an den richtigen Ort brachte. Aber jetzt? Es gebe ja viele interessante Stellenanzeigen momentan, aber irgendwie wisse er im Moment nicht recht, was oben und was unten ist.

Irgendwann in seinem anspruchsvollen Berufsleben hatte sich seine Intuition unbemerkt verabschiedet.  Wir kann man so was wieder finden? Gibt es da einen Erfahrungswert, a la recherche du Bauchgefühl? Kann man so was Unterbewusstes überhaupt bewusst ansteuern?

Ein Zeitschritt nach vorn. Kürzlich hatten wir unsere Abschluss-Sitzung. Das Coaching, meinte er, habe ihm viel gegeben, am besten: Sein Bauchgefühl sei wieder da. Es habe sich ja schon so eine Tendenz in unseren Sitzungen ausgeprägt, aber nun sei er sicher. Erstaunt hörte ich von einem unglaublich realistischen Traum, den er sich notiert hatte. Da ging es um unterschiedliche Wege in einen hellen, lichten Raum und um einen Beraterkoffer, der darauf wartete, mitgenommen zu werden.  Jetzt kenne er seinen Weg, sagte er mit einem echt entspannten Lächeln. Vielflieger-Dasein? Das hatte er ja zur Genüge.

Karrieretipp Einschmeicheln: Bringen Komplimente mich voran?

„Ich schleime einfach nicht genug. Deshalb komme ich nicht voran.“

Glauben Sie das auch von sich? Wenn „einschleimen“ hier  für „netzwerken“ und „Selbstmarketing“ steht, ist da vielleicht sogar etwas dran. Denn diese beiden Fähigkeiten sind nötig, um beruflich voran zu kommen. Viele meinen, der Verzicht auf Schmeicheln sei ein Qualitätsmerkmal für aufrechte, redliche Menschen. Schade nur, dass  diese Art von Redlichkeit auf Dauer weniger gut ankommt. Meist ist es nämlich leichter, andere für sich einzunehmen, als sie davon zu überzeugen, dass man kompetent ist.

Es ist also nützlich, ab und zu auch das Einschmeichel-Register ziehen zu können. Aber Vorsicht: Im beruflichen Umfeld Komplimente zu verteilen hat, je nach Dosis und Zielgruppe, unterschiedliche Effekte. Wenn  von unten nach oben geschmeichelt wird, sehen das nicht nur die lieben Kollegen mit Missfallen. Vergleichen Sie mal die folgenden beiden Aussagen:

 1.  Chef an MA: „Sie machen gute Arbeit. Wir profitieren davon. Weiter so!“

2.  MA an Chef: „Sie machen gute Arbeit. Wir profitieren davon. Weiter so!“

Sie werden zugeben, die zweite Aussage kommt uns schräg vor. Warum? Sie verletzt die Rollenerwartungen für Personen mit niedrigerem Status. Ein „Untergebener“ will hier seinen Vorgesetzten beurteilen können. Vielleicht kann er das ja, aber Beurteilen zu dürfen ist nach herkömmlicher Übereinkunft ein Vorrecht des Statushöheren. Es ist auch eine – unausgesprochene – Funktion dieses Sprechakts, genau diesen Statusunterschied zu etablieren.

Da sind wir bei den Nebenwirkungen eines jeden Kompliments. Wer ein Kompliment macht, bezweckt irgendetwas damit. Und sei es nur, Sie zu (noch) mehr Arbeit zu „motivieren“…