Ich kann viel mehr – aber das erkennt keiner

 

Es ist schon eine Krux mit der Karriere, meint mein Klient. Er hat eine hochqualifizierte Ausbildung, und über mehrere Assessments den Einstieg in ein für ihn scheinbar optimales Großunternehmen geschafft. Dort arbeitet er nun – oder sollte man sagen, „rackert“ er ? – seit zweieinhalb Jahren: Er macht Überstunden, bringt kreative Ideen ein, leistet deutlich mehr als erwartbar.

Das anfangs gute Klima zu seinem direkten Vorgesetzten ist inzwischen abgekühlt. Er wird wohl, vermutet mein Klient, mittlerweile als Bedrohung wahrgenommen. Der Chefchef hält dem Chef den Rücken frei. Zementierte Strukturen, die jedes Vorankommen blockieren.

Das Potential meines Klienten wird nicht erkannt, eine „Personalentwicklung“ existiert nur auf dem Papier und beschränkt sich auf gelegentliche Fragebögen.  So gingen die Jahre ins Land.  Mein Klient hat inzwischen „die Reißleine gezogen“ und sich neu orientiert.  

Glaubt man einem kürzlich erschienenen Artikel in der Wirtschaftswoche, so ist das kein Einzelschicksal. Demnach ist der sogenannte Fachkräftemangel zu einem Großteil ein Armutszeugnis der Unternehmen, die in ihren eigenen Reihen „nicht genau hinschauen.“

Karriere in der Sackgasse?

 

Mein Klient atmet tief durch. Eigentlich, sagt er, hat er seinen Traumjob. Er macht ihn gern, hat nette Kollegen und einen Vorgesetzten, der ihm viel Spielraum gibt. Nur: Er macht den Job schon zu lang. Alle Vorgänge sind Routine, es fehlt an Abwechslung, nur 30 Prozent von dem, was er kann, wird abgerufen. Seine Kreativität bleibt auf der Strecke. Und was am schlimmsten ist: Die Spitze der Fahnenstange ist erreicht – jedenfalls in diesem Unternehmen. Weiter geht es nicht, eine neue Herausforderung fehlt. Mein Klient sagt, in diesem Unternehmen kann er alt und grau werden – aber will er das?

Was also tun?

So einfach, wie die Antwort aussieht –  einen neuen Job suchen –  ist das nicht. Mein Klient ist hin- und hergerissen zwischen dem, was ihm lieb und teuer geworden ist und dem Ungewissen, was ihn erwartet. Einerseits möchte er nicht auf die momentanen Annehmlichkeiten verzichten, andererseits aber auch nicht mit 65 sagen müssen, er habe 20 Jahre in einer beruflichen Sackgasse gesteckt.

Erschwerend kommt seine Definition vom „Traumjob“ hinzu:  Jahrelang hat er nach dem, was er jetzt tut, gestrebt und nur das als Ziel gehabt. Jenseits davon gab es – nichts.  Woher soll nun plötzlich die neue Vision, das neue Ziel kommen?

Plötzlich wird sie nicht kommen, die neue Zielsetzung. Sie kann reifen wie ein guter Wein und darf sorgsam entwickelt werden. Aber wenn sie dann da ist, ist die Zeit reif. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.