Berufliche Neuorientierung oder leichte Umorientierung?

Wir Deutschen sind eine Vollkaskogesellschaft, heißt es. Sicherheitsbewusst, bodenständig, nicht unbedingt für Experimente zu haben. Drum meinen wir, ein Schuster müsse bei seinen Leisten bleiben.

Trotzdem schleichen sich bei vielen um die Lebensmitte Zweifel ein, die die Berufswahl betreffen. Was auch nicht weiter überrascht: Warum sollten die Werte, die Anfang zwanzig für jemanden beruflich gut waren, auch um die vierzig noch Bestand haben? Der Mensch ändert sich, das soll und darf er auch.

Die Frage, die sich dann stellt, lautet: Etwas ganz Neues oder nur eine leichte Kursanpassung?

Für eine leichte Kursanpassung würde sprechen, wenn die folgenden Annahmen zuträfen:

–        Der Job an sich macht Freude, nur das momentane Umfeld nicht.

–        Sie sind erfolgreich, das Unternehmen schätzt Sie, aber Sie haben dort alles erreicht, was zu erreichen ist.

–        Alles ist gut, aber die Routine macht über 50% aus und Sie beginnen, sich zu langweilen.

Wenn Sie sich aber sagen, dass Sie auf dem völlig falschen Dampfer sitzen und diesen Verdacht nicht erst seit gestern hegen, dann ist es Zeit. Denn je länger Sie mit einer Neuorientierung zögern, desto größer wird der Frust und das ungute Gefühl morgens beim Aufstehen. Arbeitszeit ist Lebenszeit. Und die falsche Arbeit ist ein falsches Leben.

Hilfe, ich habe den falschen Beruf gewählt

 

Manchmal dauern Erkenntnisse etwas. Bei der jungen Frau, die mir neulich gegenüber saß, hat die Erkenntnis, die falsche Berufswahl getroffen zu haben, vier Jahre gedauert. Seit vier Jahren übt sie ihren jetzigen Job aus, mit immer geringer werdender Motivation. Derzeit ist die Begeisterung, mit der sie morgens zur Arbeit fährt, gleich null.

Verwunderlich ist das nicht. Wer weiß schon mit achtzehn oder noch früher, was zehn Jahre später oder sogar das ganze Leben lang gut für eine/n ist?

Zudem gibt es dann so viele Einflussfaktoren, die später weniger wichtig sind: Wohlmeinende Familienangehörige, großer Unabhängigkeitsdrang, geringe Selbstkenntnis… all das kann zu Fehlentscheidungen führen.

Später im Leben noch mal „den richtigen Dreh“ zu finden ist vielleicht nicht einfach, aber es funktioniert. Man sollte hierzulande einfach mal das dumme Gebabbel vom sogenannten „Karriereknick“ vergessen.  In den USA beispielsweise verliert niemand auch nur einen Gedanken daran, dass es mit einem Knick zu tun hätte, wenn man sich eine „second carreer“ aufbaut. Das ist da ganz selbstverständlich.

Und wenn man mal darüber nachdenkt: Ist es nicht ein Geschenk, nicht das ganze Leben das Gleiche tun zu müssen?