Meine Berufung – gibt’s das?

Mein Klient ist Anfang Vierzig. Seine Berufung hat er nie gefunden, sagt er traurig. Er hat im Bankwesen einen gut bezahlten Job, aber berufen… nein, berufen dazu fühlt er sich nicht.

Die Verquickung von Beruf und Berufung ist etwas Besonderes in der deutschen Sprache. Gott lässt seinen Ruf an die Menschen ergehen. Martin Luther entwickelte seine Auffassung von Beruf und Berufung aus dem paulinischen Appell Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde (1 Kor 7,20 LUT). Heute denkt darüber vermutlich kaum jemand nach – es geht um weltliche Dinge: Karriere, Status, Geld verdienen.

Aber irgendwann erwischt einen der Gedanke doch: Was ist eigentlich meine Berufung? Was wäre aus mir geworden, wenn ich damals nicht diese oder jene Entscheidung getroffen hätte? Oder anders: Kann ich heute noch einen Weg finden zu einem Beruf, der mich wirklich erfüllt?

Nicht von ungefähr existiert seit geraumer Zeit den Begriff der „Spätberufenen“. Man kann darüber streiten, ob es sie gibt oder nicht. Überhaupt, ob dieser „Ruf“ von außen kommt, ob man also mehr oder weniger „zufällig“ darüber stolpert, oder ob es eine Veranlagung gibt, die es „zu entdecken“ gilt. Ich nenne die Reise zu solchen Veranlagungen, die in uns schlummern, eine Schatzsuche. Denn meist sind sie verborgen und es braucht etwas Geduld und Mühen, sie zu finden. Aber die Reise lohnt sich.

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.