Hilfe, mir fehlt der Lebensplan…

Einer meiner Coach-Ausbilder sagte immer, es gibt keine Zufälle. Daran musste ich denken, als ich zwei Anfragen bekam, die mir aus einer Richtung zu kommen schienen.

  • Anfrage eins: Ein sehr bestimmt sprechender Herr, der für seinen Sohn anruft. Den (Anfang zwanzig) will er, da er sich mit seinem Studienfach „vergaloppiert“ habe, zu mir schicken. Ich mache einen Scherz über „geschickte Klienten“. Die Pointe verfängt nicht. Ich muss erklären – und was ist das für ein Witz, den man erklären muss… geschickt, sage ich, weil Sie Ihren Sohn zu mir schicken wollen…Aha. Der Mann versteht nicht, dass sein „väterliches Vorfühlen beim Coach“ keine gute Weichenstellung ist. Ob nicht der Sohn selbst anrufen könne, und ob er überhaupt ein Interesse an einer Beratung habe, frage ich. Eigenmotivation ist die Grundvoraussetzung für das Gelingen eines Coachings. Ich mache noch einen Scherz über Helikoptereltern. Dann verabschiedet sich der Mann.
  • Anfrage zwei: Ein junger Mann Ende zwanzig. Er hat einen „bunten“ Lebenslauf mit unterschiedlichsten Erfahrungen und Ausbildungen. Er will einen Beruf finden, der zu ihm passt. Er möchte „zur Ruhe kommen“, gleichzeitig aber „neugierig bleiben“. Die Frage, was ihn bisher gehindert habe, diesen zu ihm passenden Beruf zu finden, kann er zunächst nicht beantworten. Sein „inneres Kind“ dürfe sich bei ihm austoben, sagt er lachend. Am Ende seines Berufslebens sieht er sich in einem Häuschen im Grünen. Aber für den Weg dahin fehlt ihm der Plan.

In einer Zeit, die nur so überquillt vor Ratgebern, die es „gut meinen“ (in Medien, im Bekanntenkreis), ist es schwer, das Eigene zu finden. Fremdbestimmung überall. Sich von anderen bestimmen lassen, heißt auch, sich anzuvertrauen, weil man über sich noch relativ wenig weiß. Und das heißt, Verantwortung abzugeben. Aber mit Verantwortung fängt er an, der Plan fürs eigene Leben.

Mehr dazu bei Zeit/studium

Dafür oder dagegen? Über das leidige Entscheiden

Es ist schon eine Krux mit dem Entscheiden. Jede Entscheidung für etwas ist auch eine gegen etwas. Und nicht zu entscheiden, ist auch eine Entscheidung.
Man kommt einfach nicht drum rum im Leben. Positiv ausgedrückt heißt das, ich habe die Wahl. Aber für manch einen bedeutet das, ich habe die Qual der Wahl.
Die wenigsten fühlen sich nämlich wohl beim Entscheiden. Sie ziehen „Entscheidungen von der Stange“ vor – bei der Berufswahl etwa. Da nimmt man einfach Berufe, die „gefragt“ sind, also von vielen gewählt werden. Was für viele richtig ist, kann für mich doch nicht falsch sein. Oder?
Irrtum. Und wenn sich dann herausstellt, dass man zum Beispiel gar nicht gut kann mit zappeligen Drittklässlern, dann ist es meist schon sehr, sehr spät. Zu spät manchmal, um noch einen anderen Kurs zu finden.
Aber wie soll oder kann man es lernen, das „Richtig Entscheiden“?
Dieser Frage widmet sich bald die Ausstellung „Entscheiden“ in Mainz, die am 1. Oktober beginnt.
Aus meiner Sicht ist sie – da schon erfolgreich andernorts gelaufen – auf jeden Fall einen Besuch wert. Aber vielleicht ist das eine Fehlentscheidung… was meinen Sie?

Klare Ziele, unklare Strategie und umgekehrt: Klärungshilfe Coaching

 

Die Stimme am Telefon klingt fest und klar: Er wisse, was er erreichen will, sagt der Interessent. Aber bekanntlich gebe es ja viele Wege zum Ziel. Ob ich ihn dabei unterstützen kann, eine Strategie für die Zielerreichung zu entwickeln?

Ein anderer Anruf, ein anderes Anliegen: Die Interessentin hat „eigentlich“, wie sie sagt, alles erreicht im Leben. Sie ist ganz oben angekommen auf ihrer Karriereleiter. Aber gerade deshalb breitet sich in ihr nun Leere aus. Und das kann doch nicht sein. Da muss es doch noch etwas geben, ein neues Ziel, etwas Sinnhaftes, das es wert ist, anzustreben?

Beide Anrufer stellen im Grunde dieselbe Frage: Bin ich hier richtig? Sie sind es. Coaching ist eine Klärungshilfe sowohl für den Weg zum Ziel als auch für die Zielfindung selbst. Klarheit entsteht nicht, wenn man im Nebel steckt oder sich im Kreis dreht. Klarheit entsteht im Dialog mit einem neutralen Sparring-Partner, der die richtigen Fragen stellt.

Allerdings ist Coaching keine Wunderwaffe. Es ist nicht geeignet, wenn jemand aus welchen Gründen auch immer keine Eigenmotivation hat – also etwa von Dritten „geschickt“ wird oder krank ist.  Energie und einen realisierbaren Veränderungswunsch müssen Sie schon mitbringen. Der Rest klärt sich im Gespräch.

Arbeiten nach der Familienpause: Informationsquellen

 

Wenn Sie diese Überschrift lesen, woran denken Sie da? An Väter, die zurück kehren in ihren Job? Sicher nicht.

Richtig gedacht:  Darum geht es auch nicht. Vielmehr zielt die vom Bundesfamilienministerium, der Arbeitsagentur und dem Europäischen Sozialfonds geschaltete Seite auf den „Normalfall“ hierzulande: Frauen, die nach mehrjähriger Familienphase wieder zurück in den Job wollen.

Nach der Mütterrente nun also eine interaktive Seite, die den Wiedereinstieg der Mütter unterstützen soll. Keine schlechte Idee an sich, denn unserer Wirtschaft gehen durch ausscheidende Mütter hochqualifizierte Fachkräfte abhanden. Allerdings könnten diese Fachkräfte etwas anderes gebrauchen als anklickbare „Erfolgsgeschichten“ und „Motivation“, deren Botschaft ist, „wo ein Wille ist,….“

Nämlich Strukturen, die den sich verweigernden Firmen auf die Finger hauen.  www.perspektive-wiedereinstieg.de

Was ist meine Berufung?

 

Wer diese Frage in Suchmaschinen eingibt, bekommt ein Panoptikum von Service-Anbietern als Antwort. Es reicht von Wahrsagern über Selbsttests – in drei Minuten zur psychologischen Offenbarung! – bis zu religiösen Heilsbringern.

Tatsächlich hat der Begriff – wie in „Beruf“ auch – einen religiösen Ursprung: Gott lässt seinen Ruf an die Menschen ergehen, diese folgen dem Ruf – oder auch nicht.

Der Trick an der Sache ist diese scheinbare Motivation von außen – der Mensch kann nichts dafür oder dagegen tun. Er findet seine Berufung schicksalhaft, sie ist „vorgegeben“. Echte Talente brechen sich früh eine Bahn, sie wollen einfach ans Licht. Was folgt daraus? Es gibt relativ wenig „Spät Berufene“.

Enttäusche ich Sie grad, lieber Leser oder liebe Leserin? Sind Sie in der Mitte Ihres Lebens und suchen Sie nach Ihrer Berufung? Dann warten Sie bitte nicht mehr auf den Anruf von außen. Schauen Sie nach innen – da gibt es jede Menge zu entdecken.

Arbeit und Glück

 

Falls Sie, liebe Posting-Leser, mal Lust haben, Großvolumiges zu lesen, das zu Schulterzerrungen führen kann:

Die ZEIT widmet sich diese Woche dem Thema Arbeit und Glück. Für manche von uns schon eine Unterstellung an sich… In episch-akademischer Breite werden Fälle von „glücklichen Menschen“ vorgestellt, die ohnehin im Olymp der Selbstbestimmung leben.

An profanere Arbeitsverhältnisse, die viel Anpassung erfordern, traut man sich nur, wenn es um „den falschen Beruf“ (S. 23) geht. Allerdings wird auch da vieles vereinfacht und wolkig umschrieben – was es heißt, sich den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, klingt nur am Schluss kurz durch, als die designbegabte Bankerin beschließt, im Job „vorerst“ zu bleiben.

Und auf die Idee, über Arbeit und Zufriedenheit zu schreiben, kommt eh keiner….

Orientierungssuche – fremd im eigenen Leben?

 

Den Satz „das kann es doch noch nicht gewesen sein“ höre ich öfters von Menschen, die beruflich fest im Sattel sitzen. Sie arbeiten viel, sind zufrieden mit ihrem Unternehmen und doch fehlt etwas.

Manchmal ist es die Routine, die überhand nimmt und den einst interessanten Job fad werden lässt. Dann wieder ist es die stete Flexibilität, das Hin-und Herwandern zwischen Projekten, das sich einschleichende Gefühl, keine Zeit zu haben, die Dinge wirklich zu durchdringen. Nur an der Oberfläche zu kratzen.

Der Soziologe Richard Senett    hat diese Gefühlslage beschrieben:

Der moderne Kapitalismus ruht auf einem Fundament aus Fähigkeiten. Trotzdem haben sich bei unseren Untersuchungen der Arbeitswelt die Menschen sehr oft beklagt, dass sie solche Fähigkeiten gar nicht mehr entwickeln können, weil die Organisation der Arbeit das gar nicht mehr zulässt. Man zieht von Job zu Job, erwirbt oberflächliche Kenntnisse– manchmal täuscht man sie auch nur vor – und kann nicht mehr lange genug in einem Job bleiben, um wirklich profunde Dinge zu lernen.

Beides – zuviel Routine und zuviel Oberflächlichkeit – führt zu einer starken Verunsicherung. Plötzlich steht man neben sich und fragt sich „Bin ich eigentlich noch richtig in meinem Leben?“

Ich kann nur jedem gratulieren, dem sich diese Fragen stellen. Antworten zu finden, wird nicht leicht sein, aber es lohnt sich, danach zu suchen. Neue Wege entstehen beim Gehen.

Einsamkeit: Kolateralschaden des Berufslebens

Einsamkeit: Kolateralschaden des Berufslebens

Erinnern Sie sich? „Kolateralschaden“ war das Unwort des Jahres 1999. Unter anderem hieß es in der Begründung, die Verwendung des Wortes verharmlose militärische Schäden als unwichtige Nebensache.

Mir scheint, der Begriff wäre nützlich, um in ähnlich zynischer Weise die Begleitschäden unserer Arbeitswelt zu beschreiben. Der „Burnout“ ist ja mittlerweile allgegenwärtig, aber wer spricht über die emotionale und tatsächliche Vereinsamung unserer „Helden der Arbeit?“

Immer wieder sitzen mir 30-, bis 40-jährige „High Performer“ gegenüber, die eine rasante Karriere hingelegt haben und richtig gut Geld verdienen. Für ihre Flexibilität zahlen sie einen hohen Preis: Sie haben jenseits der virtuellen Netzwerke kaum Freunde und auch keine dauerhaften Partnerschaften.

Vor die Wahl gestellt, abends in die leere Luxuswohnung heim zu kehren oder noch eine Stunde Arbeit dranzuhängen, wählen sie letzteres. Mit zunehmendem Alter verschlimmert sich die Einsamkeit: Je älter, desto weniger kompatibel. Bald werden wir eine „Generation einsamer Silberwolf“ haben – Menschen, die allzu spät in ihrem Leben merken, dass Arbeit doch nicht alles ist.

Mehr dazu hier.

Neue Studie: Was Studienabgänger wollen

Die junge Generation ist anders – das meinen die jeweils Älteren jedenfalls. Nun scheint es auch wissenschaftliche Argumente dafür zu geben: Prof. Dr. Heinrich Wottawa hat mit Kollegen von der Ruhruniversität Bochum die Lebensziele und Leistungspotentiale von über 20 000 Hochschulabsolventen untersucht. Zu seinen  Ergebnissen zählt, dass der Anteil potentieller Führungskräfte zurück gegangen sei und dass Stressresistenz und die Fähigkeit für Selbstmanagement abgenommen haben.

Eine Drifter-Generation also? Interessant auch, dass nach Wottawas Untersuchung die meisten Studienabgänger extrinsisch motiviert sind: Sie wollen arbeiten, um etwas zu erreichen. Wie das allerdings mit dem fehlenden Führungspotential einher geht, scheint die Studie nicht zu klären…

 H. Wottawa, C. Monteol, C. Mette, B. Zimmer, M. Hiltmann: Berufliche Lebensziele und Leistungspotentiale junger Hochschulabsolventen. Wirtschaftspsychologie 3/2011, S. 85-111 

Freigestellt… und was nun?

 

Es ist wie eine Vollbremsung nach rasanter Fahrt. Eben noch war man Tag für Tag „eingespannt“, hat nachts Jobprobleme gewälzt, sich morgens aus dem Bett gequält, dann  seinen Job gemacht, danach im vollen Supermarkt eingekauft, sich über den Feierabendverkehr geärgert, um dann, endlich zuhaus, vor laufendem Fernseher einzunicken.

Jahrelang lief das so. Manchmal war man sogar zu schlapp, sich abends noch mit Freunden  zu verabreden, oder gar ans Telefon zu gehen.

Doch plötzlich ist alles anders.

Man kann tagsüber einkaufen. Kein Wecker mehr, der einen frühmorgens aus den Federn holt. Ein unbekanntes Territorium tut sich auf: Zeit! Gestaltlos liegen Tage und Wochen vor einem: Was wollen die eigentlich von mir? Wie soll ich sie anpacken? Was soll ich anfangen mit dem Zeitüberschuss?

Immer wieder erlebe ich bei meinen freigestellten Klienten, dass sie sich unwohl fühlen mit dem plötzlichen Zeitgeschenk. Stimmt, sagen sie, eigentlich ist es ja ein Geschenk. Was hat man sich immer gesehnt nach freier Zeit; auf einmal hat man sie, und weiß gar nicht, was anfangen damit. Zeit im Überschuss ist den Meisten keine Kostbarkeit mehr, sie wird zur zähen Masse, die die eigene Sinnhaftigkeit in Frage stellt.

 Zeit soll „genutzt“ werden, suggeriert die Mehrheitsmeinung. Sie einfach zu verbringen, ohne in Aktionismus auszubrechen, ist sündig, vermittelt Schuldgefühle. Die Mehrheitsmeinung meldet sich regelmäßig in Form von anteilnehmenden Freunden und Familie, die fragen, hast Du schon einen neuen Job. In anderen Worten: Hast Du schon einen neuen Zeitvernichter?

Eigentlich schade, dass das, was man ist, so verbunden ist mit dem, was man beruflich ist. Dass Freizeit nur neben Unfreizeit existiert. Einfach Mensch sein ist nicht… oder doch?

Eine Klientin berichtet, dass sie rückblickend froh ist über die freie Zeit, die sie hatte, bevor sie ihren neuen Job gefunden hat. Sie hat nämlich endlich etwas für sich getan, wofür sie sonst „nie Zeit“ hatte: Sie hat Yoga erlernt, und das wird ihr den Einstieg in den neuen Job  und überhaupt den Umgang mit Zeitvernichtern erleichtern….